Nach der Lehre im Detailhandel suchte Jonas Balsiger beruflich neue Perspektiven. Die Berufsmaturität war für ihn der nächste Schritt auf dem Weg zur Fachhochschule. Im Interview erzählt er, wie er die Doppelbelastung aus Arbeit und Schule erlebte – und was ihn motivierte, dranzubleiben.
Kathrin Kiener

Warum haben Sie sich entschieden, nach der Lehre die Berufsmaturität zu machen?
Nach meinem Lehrabschluss im Detailhandel wollte ich mich beruflich neu orientieren – ich wusste aber noch nicht genau, in welche Richtung. Erst auf meinen Reisen durch Länder wie Südafrika oder Costa Rica entstand der Wunsch, Tourismus zu studieren. Für den Zugang zur Fachhochschule brauchte ich die Berufsmaturität. Deshalb habe ich mich entschieden, diese an der WKS Bern nachzuholen.
Sie haben während der Berufsmaturität zu 60 Prozent gearbeitet. Wie haben Sie Beruf, Schule und Privatleben organisiert?
Bereits während der Berufsmaturität arbeitete ich in einem Velogeschäft, in dem ich bis heute tätig bin. Die Kombination aus Schule und Arbeit führte dazu, dass mein Privatleben etwas zu kurz kam. Anfangs lernte ich eher unstrukturiert. Dank der Lernberatung an der Schule entwickelte ich jedoch einen klaren Lernplan. Dadurch konnte ich meine Zeit besser einteilen und erhielt mehr Raum für mein Privatleben.
Was war während der Berufsmaturität die grösste Herausforderung für Sie persönlich?
Die Pflege sozialer Kontakte und die fehlende Spontanität im Alltag. Mir ist der Austausch mit Familie und Freundeskreis wichtig – dort kann ich auftanken. Während der Berufsmaturität musste ich Freunden oft sagen, dass ein Ausgang nicht drinlag, weil ich lernen musste. Gleichzeitig war es mir wichtig, Familie und Freunde nicht aus den Augen zu verlieren. Heute freue ich mich, wieder mehr Zeit mit ihnen zu verbringen und neue Pläne zu schmieden.
Welchen Rat hätten Sie zu Beginn der Berufsmaturität selbst gerne erhalten?
Den Blick von Anfang an stärker auf das grosse Ganze zu richten. Statt möglichst viel auswendig zu lernen, sollte man sich fragen, was man aus einem Thema wirklich mitnehmen will. Gerade in Mathematik, Finanzen oder Rechnungswesen hilft Auswendiglernen nur begrenzt – man muss die Inhalte verstehen. Wichtig ist auch, Aufgabenstellungen sorgfältig zu lesen und sich genügend Zeit zu nehmen, sie richtig zu erfassen.
Was haben Sie während dieser Zeit über sich selbst gelernt?
Wie ehrgeizig ich neben dem Sport auch in der Schule bin (lacht). Wenn ich mir ein Ziel setze, will ich es auch erreichen. Während der Berufsmaturität sass ich oft lange über den Büchern, weil ich einfach nicht sagen konnte: «Jetzt reicht es». Geholfen hat mir, dass ich Bewegung in meine Lernphasen eingebaut habe, beispielsweise durch Seilspringen oder Jonglieren.
Welche Unterstützung aus Ihrem Umfeld war für Ihren Erfolg besonders wichtig?
Meine Frau hat mich während dieser Zeit sehr unterstützt und mir vieles abgenommen. Auch Familie und Freunde erkundigten sich immer wieder, wie es läuft und machten mir Mut. Im beruflichen Umfeld erhielt ich ebenfalls viel Unterstützung. In ruhigeren Zeiten durfte ich etwa im Geschäft lernen und vor Prüfungen erhielt ich zusätzliche freie Tage. Das war nicht selbstverständlich und hat mir sehr geholfen.
Sie planen nun ein Tourismusstudium. Was reizt Sie an diesem nächsten Schritt?
Zuerst werde ich ein Zwischenjahr einlegen und nochmals auf Reisen gehen. Danach beginne ich das Studium an der Fachhochschule. Das Studium ist praxisnah und verbindet Themen wie Nachhaltigkeit, Management und Digitalisierung. Dadurch eröffnet es mir viele Möglichkeiten, etwa in der Entwicklung von Reiseangeboten. Ich bin gespannt, wohin mich dieser Weg führen wird.
Infobox
Die Berufsmaturität ergänzt das eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) mit einer erweiterten Allgemeinbildung und ermöglicht den prüfungsfreien Zugang zu einer Fachhochschule. Die Berufsmaturität kann während (BM1) oder nach der Lehre (BM2) absolviert werden und bereitet gezielt auf ein Bachelorstudium vor. Mit der Passerelle steht Absolventinnen und Absolventen danach zudem der Weg an alle universitären Hochschulen der Schweiz offen. Im Kanton Bern bieten verschiedene Bildungsinstitutionen Berufsmaturitätskurse an.
www.bkd.be.ch
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