Logo Kanton Bern / Canton de BerneBildungs- und Kulturdirektion

«Wir konnten vom Aushub bis zur Aufrichtung dabei sein»

«Wir haben Vertrauen in unsere Fähigkeiten gewonnen und sind heute viel selbstständiger unterwegs»: Timo Glaus (links) und Etienne Heiniger.

Lernendenprojekt

Etienne Heiniger und Timo Glaus schliessen im Sommer ihre Maurerlehre ab. Gemeinsam mit vier weiteren Lernenden der Läderach Weibel AG haben sie im vergangenen Jahr ein vierstöckiges Gebäude in Thun errichtet – im Rahmen eines Lernendenprojekts. Was haben sie dabei gelernt? Der Einsteiger hat nachgefragt.

Rolf Marti

2021 brannte der Anbau der Oldstation 1893 in Thun ab (Kasten). Nun haben Lernende dort ein neues, vierstöckiges Gebäude errichtet. Wie kam es zu diesem Lernendenprojekt?
Heiniger: Es kamen zwei günstige Umstände zusammen. Mein Vater kaufte das Grundstück mit dem abgebrannten Gebäude, um darauf etwas Neues zu errichten. Und unser Berufsbildner Thomas Rechsteiner hatte schon lange die Idee, einen Bau nur mit Lernenden zu realisieren.

Dass Lernende eigenständig ein Bauprojekt umsetzen, ist speziell. Konkret: Für welche Arbeiten trugen Sie die Verantwortung?
Glaus: Eigentlich für den ganzen Rohbau. Wir bekamen den Plan und hatten den Auftrag, das Gebäude zu bauen. Aber klar: Wir waren nicht auf uns alleine gestellt. Es war immer ein Polier – also ein ausgebildeter Baustellenleiter – vor Ort, der uns begleitete und die Arbeiten überwachte.

Wie viele Lernende waren beteiligt? Und: Wie haben Sie sich organisiert?
Heiniger: Insgesamt haben sechs Lernende mitgewirkt – je zwei im ersten, im zweiten und im dritten Lehrjahr.
Glaus: Die Leitung der Baustelle lag mehrheitlich beim Polier. Er teilte uns die Arbeiten zu, wir konnten uns aber einbringen. Gearbeitet haben wir meist in gemischten Teams, sodass die jüngeren Lernenden von der Erfahrung der älteren profitieren konnten.

Welches waren die Herausforderungen im Projekt? Und: Gab es kritische Momente – gar Momente, in denen Sie am Erfolg des Projekts gezweifelt haben?
Glaus: Bei der Oldstation 1893 handelt es sich um einen anspruchsvollen Bau. Er hat einen Betonkern, der es erlaubt, das Gebäude zu kühlen beziehungsweise zu beheizen. Dazu müssen spezielle Leitungen in den Beton integriert werden. Zudem wurden alle Wände, Böden und Decken in Sichtbeton ausgeführt. Da muss man sehr sorgfältig arbeiten.
Heiniger: Einen kritischen Moment gab es, als eine Wand, die nur auf einer Seite geschalt werden musste, weil auf der andern bereits eine Wand bestand, gegen aussen drückte. Wir stabilisierten die Schalung mit Stützen und bekamen die Situation so in den Griff. Ansonsten gab es nicht mehr kritische Momente als auf einer normalen Baustelle.

Welche Kompetenzen konnten Sie im Rahmen des Projekts aufbauen?
Heiniger: Enorm wertvoll war, dass wir vom Aushub bis zur Aufrichte dabei sein konnten. So bekamen wir alle Bauphasen mit. In der Regel arbeiten wir auf den Baustellen nur punktuell mit. Zudem konnten wir Arbeiten ausführen, die sonst mehrheitlich von erfahrenen Berufsleuten ausgeführt werden. Wir haben so fachlich viel dazugelernt.
Glaus: Mehr noch: Wir haben Vertrauen in unsere Fähigkeiten gewonnen und sind heute viel selbstständiger unterwegs.

Dass Lernenden so viel Verantwortung übertragen wird, ist speziell. Wie wirkt sich das auf die Motivation aus?
Glaus: Das motiviert, weiter an sich zu arbeiten und besser zu werden. Mir hat es Spass gemacht, Teil dieses Projekts zu sein.
Heiniger: Ich war schon vorher sehr motiviert … ( schmunzelt). Aber dieses Projekt gab mir zusätzlich Schub. Cool war auch, für einmal nur mit Gleichaltrigen zusammenzuarbeiten.

Wenn Sie heute an der Oldstation 1893 vorbeikommen: Wie fühlt sich das an? Heiniger: Gut. Das war und ist eine tolle Sache.
Glaus: Ich bin stolz auf das, was wir geleistet haben. Ich kenne aus der Berufsfachschule niemanden, der an einem solchen Projekt mitwirken durfte.

Im Sommer schliessen Sie die Lehre ab. Wie geht es danach weiter?
Glaus: Ich werde bis zum Militärdienst im Lehrbetrieb arbeiten, danach schaue ich weiter. Vielleicht mache ich die Berufsmaturität und studiere Architektur.
Heiniger: Ich werde ebenfalls bis zur RS im Lehrbetrieb arbeiten. Ich will in der Branche bleiben. Vielleicht gründe ich irgendwann mein eigenes Bauunternehmen.

Infobox

Lernendenprojekt Oldstation 1893

2021 brannte ein Teil der Oldstation 1893 an der Uttigenstrasse 9 bis 11 in Thun ab. Er wurde durch einen vierstöckigen Neubau ersetzt, der von sechs Lernenden (Maurer EFZ) der Läderach Weibel AG realisiert wurde: Luan Balsiger, Timo Etter, Timo Glaus, Severin Hasler, Etienne Heiniger und Erik Oesch. Sie errichteten den komplexen Sichtbetonbau und wurden dabei von erfahrenen Baufachleuten begleitet. Das Gebäude wird ab April 2026 bezogen.

Der «Einsteiger» ist eine Dienstleistung der Espace Media Groupe (Publikationsplattform) und des Mittelschul- und Berufsbildungsamts des Kantons Bern (redaktionelle Verantwortung). Er ist eine Informationsplattform zur Berufs- und Mittelschulbildung.

Jeden Samstag erscheint im Stellen-Markt der Tageszeitungen Berner Zeitung BZ, Der Bund, Berner Oberländer, Thuner Tagblatt, Bieler Tagblatt und Langenthaler Tagblatt ein Artikel zu einem aktuellen Thema.

Unterstützt wird der «Einsteiger» durch folgende Partner:

Hinweis
Lob, Kritik, Anregungen

Bitte nutzen Sie die Möglichkeit per E-Mail uns Lob, Kritik oder Anregungen zum Einsteiger zu schicken.

einsteiger@be.ch

Frühere Ausgaben

Seite teilen