Anouk Widmer hat mit 24 Jahren bereits einiges erlebt: Nach ihrer Lehre als Bekleidungsgestalterin EFZ führte sie ihr Weg nach Berlin, an die Fashion Week in Paris und schliesslich zu Schweizer Filmproduktionen und zum «Tatort». Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam und was sie an ihrer Arbeit als Kostümassistentin besonders schätzt.
Kathrin Kiener

Sie haben eine Lehre als Bekleidungsgestalterin EFZ gemacht. Was hat Sie an diesem Beruf fasziniert?
Meine Mutter hat genäht und mich schon als Kind in Stoffläden mitgenommen. Ich war zudem früh von historischen Kleidern und Kostümen fasziniert. In der 9. Klasse nähte ich als Abschlussprojekt ein Rokoko-Kleid. Mein Lehrer fragte mich deshalb, ob ich nicht Bekleidungsgestalterin werden wolle. Ich schnupperte und bekam eine Lehrstelle. Am Beruf gefällt mir bis heute das Kreative: das Nähen, Zeichnen und Erstellen von Schnittmustern.
Wie kamen Sie nach der Lehre zu einem Praktikum bei einem Schweizer Designer in Berlin – und sogar an die Fashion Week nach Paris?
Das war ein Zufall. Eigentlich hätte eine Freundin das Praktikum machen sollen – sie musste aber kurzfristig absagen. Ich sprang spontan ein, weil ich Erfahrungen im Ausland sammeln wollte. Der Designer suchte Unterstützung bei der Herstellung der Kleider für die Fashion Week. Mit 18 flog ich mit dem ganzen Team nach Paris. Wir waren vier Tage dort und machten unter anderem ein Fotoshooting an der Seine.
Wie sind Sie schliesslich beim Film gelandet?
Während meiner Zeit in Berlin begleitete ich eine Kostümbildnerin in den Fundus. Sie wollte dort für einen Schweizer Spielfilm Kostüme auswählen. Mein Chef hatte den Kontakt vermittelt. Sie suchte eine Praktikantin, die gut nähen konnte und holte mich ins Team. So erhielt ich die Gelegenheit, erstmals bei einer Filmproduktion mitzuwirken.
Sie haben inzwischen auch bei der TV-Serie «Maloney» und beim «Tatort» mitgewirkt. Was gefällt Ihnen daran besonders?
Die Arbeit ist sehr vielseitig: Wir suchen Kleider im Fundus, stellen sie her oder passen sie an. Danach bereiten wir sie für die einzelnen Szenen vor. Bei einem «Tatort» geht es auch einmal darum, künstliches Blut oder Schmutz auf einem Kleidungsstück anzubringen. Wir helfen den Schauspielerinnen und Schauspielern beim Ankleiden und Dokumentieren, wer was getragen hat. So stellen wir sicher, dass das Outfit über die verschiedenen Drehtage hinweg gleichbleibt.
Wie erleben Sie die Filmwelt als junge Berufsfrau?
Bei meinem ersten Filmprojekt war ich 20 und noch ziemlich schüchtern. Ich hatte Glück mit meinem Kostümteam und wurde sehr unterstützt. Mit der Zeit habe ich gelernt, mich freundlich und sachlich für meine Arbeit einzusetzen. Gerade das Kostüm hat am Set oft einen anderen Stellenwert als etwa Kamera oder Licht. Deshalb muss man für seine Anliegen einstehen. Auch die langen Arbeitstage gehören dazu – damit muss man beim Film leben können.
Wenn Sie auf Ihren bisherigen Berufsweg zurückblicken: Wie viel davon war geplant – und wie viel ist einfach passiert?
Eigentlich war nichts geplant (lacht). Ich habe jeweils die Möglichkeiten ergriffen, die mir interessant erschienen. Das ist schön, aber manchmal auch schwierig: Ich weiss als Freelancerin nie genau, wann der nächste Job kommt und wie viel ich verdienen werde. Gleichzeitig habe ich zwischen den Projekten Freiräume und kann reisen. Ohne die Unterstützung meiner Eltern wäre es am Anfang allerdings schwierig gewesen.
Wie sehen Ihre Pläne aus – was möchten Sie beruflich noch erleben oder erreichen?
Mein grosses Ziel ist, Kostümbildnerin zu werden. Als nächsten Schritt möchte ich in London arbeiten. Schon als Kind habe ich gerne die Kostümausstellungen des Victoria and Albert Museums besucht. Zudem gibt es in London eine grosse Tradition für historische Kostüme, etwa im Theater, Musical oder an der Royal Opera. In der Branche läuft vieles über Kontakte, Produktionen und Praktika. Ich hoffe, dass sich für mich eine Chance ergibt.
Infobox
Die Lehre als Bekleidungsgestalterin oder Bekleidungsgestalter EFZ dauert drei Jahre. Wer sich im Bereich Kostüm weiterentwickeln möchte, kann verschiedene Aus- und Weiterbildungsangebote nutzen. Auch praktische Erfahrungen sind wichtig: Die Stiftung Focal unterstützt Filmpraktika – unter anderem im Bereich Kostüm – mit einer Teilfinanzierung und erleichtert jungen Berufsleuten damit den Einstieg in die Branche.
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