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Bildungsbiografie - «Sprache ist der Schlüssel – dann fällt alles leichter»

Haroldo Monteiro ist mit 26 Jahren in die Schweiz gekommen – und hat hier eine erstaunliche Bildungsreise absolviert. Heute arbeitet er als Musiktherapeut an den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD).

Rolf Marti

«Musik weckt die Kreativität im Menschen und schafft so die Grundvoraussetzung, Probleme zu lösen»: Musiktherapeut Haroldo Monteiro.

Sie sind in Brasilien aufgewachsen. Welche Ausbildungen haben Sie dort absolviert?
Ich habe das Gymnasium absolviert, wusste aber nicht, was ich studieren sollte. Um im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, habe ich zwei nichtformale Abschlüsse gemacht: ein Zertifikat, um Englisch zu unterrichten, und ein Zertifikat in Management und Betriebswirtschaft.

Mit 26 Jahren sind Sie in die Schweiz gekommen. Wie haben Sie sich über Ihre beruflichen Möglichkeiten informiert?
Das Bildungssystem der Schweiz unterscheidet sich stark von jenem in Brasilien. Zum Glück hatte ich einen Schweizer Partner. Er unterstützte mich sehr. Ziel war eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich. Ich habe mich für die kaufmännische Grundbildung EFZ entschieden – im Rahmen des Berufsabschlusses für Erwachsene nach Artikel 32.

Wie funktioniert das?
Wer über ausreichend Berufserfahrung in einem bestimmten Berufsfeld verfügt, kann direkt zum Qualifikationsverfahren zugelassen werden. Die Vorbereitung erfolgt individuell.

Sie haben den Abschluss in nur zwei Jahren erlangt. Wie haben Sie das geschafft?
Mit harter Arbeit … (lacht). Voraussetzung war eine Arbeitsstelle im kaufmännischen Bereich. Ich arbeitete zu Beginn 100 Prozent an einer Hotelrezeption. Eine weitere Voraussetzung: gute Deutsch- und Französischkenntnisse. Also befasste ich mich zuerst intensiv mit dem Spracherwerb und besuchte entsprechende Kurse. Danach konnte ich an der WKS Bern die Berufsfachschule für Erwachsene besuchen. Der Unterricht fand wöchentlich an zwei Abenden sowie am Samstag statt.

Sind Sie dabei an Ihre Grenzen gestossen?
Ja. Wenige Monate nach Start der Berufsfachschule fand die erste Standortbestimmung statt. Meine Sprachkenntnisse waren damals noch nicht so gut und ich stand unter grossem Druck. Gleich nach der Prüfung meldete ich mich von der Schule ab. Aber meine Lehrerin rief mich an und teilte mir das gute Resultat mit: «Mit Note 5 lasse ich Sie nicht ziehen.» Sie machte mir Mut, weiterzumachen.

Danach haben Sie als Controller gearbeitet und parallel am Konservatorium eine Ausbildung in klassischer Stimmbildung gemacht. Wie passen Zahlen und Musik für Sie zusammen?
Gut, weil beide Bereiche klaren Mustern folgen. Mir ging es aber darum, einen Ausgleich zu meiner Arbeit zu finden. Als Controller war ich primär kognitiv gefordert. Beim Gesang kam ich mit meinen Gefühlen in Kontakt.

Anschliessend haben Sie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) Musiktherapie studiert. Weshalb?
Meine Arbeit als Controller löste bei anderen oft Stress aus. Etwa dann, wenn von ihnen mehr Produktivität gefordert wurde. Mir war in solchen Situationen immer die menschliche Seite genauso wichtig. Menschen, die lange unter Stress leiden, sind selten produktiv. Ich wollte konstruktive Methoden lernen, um damit umzugehen. Während meiner Zeit am Konservatorium kam ich mit der Musiktherapie in Berührung und erlebte die stärkende Wirkung der Musik in Entwicklungsprozessen. Das faszinierte mich.

Heute arbeiten Sie als Musiktherapeut an den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD). Was fasziniert Sie an Ihrer Tätigkeit?
Wie Musik die Kreativität im Menschen weckt und so die Grundvoraussetzung schafft, Probleme zu lösen. Es berührt mich, wenn Menschen in einer Krise für sie passende Entscheidungen treffen und ihren Weg gehen. Meine ZHdK-Abschlussarbeit «Emotionsregulation in der Musiktherapie» untersucht diesen Zusammenhang auf der emotionalen Ebene. Sie wurde mit Note 6 bewertet.

Planen Sie Weiterbildungen?
Ich bin noch kein Jahr an der UPD und konzentriere mich momentan voll auf meine Arbeit. Später möchte ich die höhere Fachprüfung «Kunsttherapeut/in mit eidg. Diplom, Fachrichtung Musik» machen – ein wichtiger Abschluss, um auch selbstständig arbeiten zu können. Danach plane ich den Master in Musiktherapie zu machen.

Welches waren die herausforderndsten Momente auf Ihrem Bildungsweg? Und: Was raten Sie Menschen, die neu in die Schweiz kommen und sich hier beruflich etablieren möchten?
Es gab viele schwierige Momente. Aber die Hilfsbereitschaft meines privaten Umfelds und der Institutionen war immer gross. Mein Rat? Sprache ist der Schlüssel. Macht euch so rasch als möglich mit der Landessprache vertraut – dann fällt alles leichter.
 

Infobox

Berufsabschluss für Erwachsene

Es ist nie zu spät: Erwachsenen stehen vier Wege offen, einen anerkannten Berufsabschluss (eidg. Berufsattest, eidg. Fähigkeitszeugnis) zu erlangen. Je nach Voraussetzungen eignet sich der eine oder andere Weg. Danach stehen viele Weiterbildungsoptionen offen. Die BIZ Berufs- und Informationszentren beraten Interessierte individuell. Weitere Informationen unter www.be.ch/bae

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