
Wissenschaftlerin wird Lehrerin
Rolf Marti
Ayse Özlem Aykut (45) hat in der Türkei ein Doktorat in Materialwissenschaft und Werkstofftechnik abgeschlossen. Heute absolviert sie an der Pädagogischen Hochschule Bern (PHBern) ein Masterstudium. Im Interview spricht sie über ihre Motivation und die Herausforderungen auf dem Weg zur Lehrerin.
Frau Aykut, Sie haben ein Doktorat in Materialwissenschaft und Werkstofftechnik. Weshalb arbeiten Sie in der Schweiz nicht in Ihrem Fachgebiet?
Als ich in die Schweiz kam, arbeitete und forschte ich zunächst am Biozentrum der Uni Basel. Mit der Geburt meiner Kinder legte ich jedoch eine mehrjährige Pause ein. Heute wäre der Wiedereinstieg in mein angestammtes Fachgebiet schwierig, weil die Halbwertszeit des Wissens enorm kurz ist.
Zurzeit absolvieren Sie an der PHBern das Studium zur Lehrperson auf Sekundarstufe II (Mittelschulen). Was motiviert Sie, diesen Weg zu gehen?
Während meiner Familienpause gab ich Nachhilfestunden für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Schon in der Türkei hatte ich Jugendliche unterrichtet. Die Arbeit mit jungen Menschen bereitet mir Freude. Und die positiven Rückmeldungen meiner Schülerinnen und Schüler haben mich darin bestärkt, den Nebenerwerb zum Beruf zu machen und meine Begeisterung für Chemie und Naturwissenschaften weiterzugeben.
Wie haben Sie den Zulassungsprozess zum Studium an der PHBern erlebt?
Intensiv. Ich musste an meinen Deutschkenntnissen arbeiten, um die Zulassungskriterien zu erfüllen – was ich gut nachvollziehen kann. Sprache ist im Pädagogikstudium zentral. Man muss viel lesen. Und: Man muss gut erklären, argumentieren und präsentieren können. Eine Herausforderung war auch, die Nachweise meiner Vorbildung zu erbringen, um direkt ins Masterstudium einsteigen und mir Credits anrechnen lassen zu können. Die Studienberatung der PHBern hat mich dabei hervorragend unterstützt.
Als Migrantin mit technischem Hintergrund: Welchen spezifischen Herausforderungen begegnen Sie im Studium an der Pädagogischen Hochschule?
Der Lehrerberuf wird oft unterschätzt. Das Studium ist sehr anspruchsvoll. Die Sprache ist für mich nach wie vor die höchste Hürde. Zudem muss ich mich mit dem schweizerischen Bildungssystem vertraut machen, das sich stark von jenem der Türkei unterscheidet. In der Schweiz haben Lehrpersonen mehr Freiheiten, den Unterricht zu gestalten – was auch mehr Verantwortung mit sich bringt. Zudem ist das Verhältnis zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrpersonen viel partnerschaftlicher – was übrigens auch für das Verhältnis zwischen Studierenden und Dozierenden an der PHBern gilt. Für die Lehrpersonen bedeutet dies: Sie müssen sich die Autorität, die in der Türkei automatisch mit dem Beruf verbunden ist, erarbeiten.
Sie sind Mutter von zwei Kindern. Wie bringen Sie Studium, Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut?
Es ist anstrengend. Zum Glück sind meine Kinder mittlerweile weitgehend selbstständig. Das gibt mir den Freiraum für das Studium. Zudem kommt mir der Studienaufbau an der PHBern entgegen: Ich kann Teilzeit studieren, vieles im Selbststudium erarbeiten und einen Teil des Unterrichts online verfolgen. Trotzdem muss ich mich gut organisieren, strukturiert lernen und externe Unterstützung bei der Betreuung beanspruchen. Wer so studiert, braucht allerdings einen starken Willen und Durchhaltevermögen … (lacht).
Als Lehrerin werden Sie Jugendliche durch die Adoleszenz begleiten. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Ich möchte die Jugendlichen partnerschaftlich begleiten, auf ihre Bedürfnisse eingehen und ihre Neugier wecken. Die Rolle der Lehrpersonen hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Wissen ist heute mit wenigen Klicks greifbar. In der Schule geht es deshalb zunehmend darum, Jugendliche dabei anzuleiten, das verfügbare Wissen einzuordnen und anzuwenden. Ich möchte sie motivieren, Quellen kritisch zu hinterfragen und kreativ zu bleiben – auch wenn heute vieles pfannenfertig angeboten wird.
Welche Botschaft haben Sie für andere hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten, die in der Schweiz beruflich neu starten wollen?
Die Sprache ist der Schlüssel, um in einem anderen Land anzukommen. Wer sich integrieren und weiterbilden möchte, muss die Landessprache lernen – auch wenn man heute vieles mit Englisch regeln kann. Und: Nie aufgeben, auch wenn es Hindernisse gibt. Mit Durchhaltevermögen kann man in der Schweiz viel erreichen.
Infobox
Studienberatung PHBern
Die Studienberatung der PHBern bietet individuelle Hilfestellung bei der Studienwahl an. Sie unterstützt zudem bei Fragen zur Anrechnung von erbrachten Bildungsleistungen oder bei der Studienplanung. Die Studienberatung ist per E-Mail erreichbar, Sprechstunden können individuell vereinbart werden. Weitere Informationen und Kontaktangaben unter www.phbern.ch
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