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Kunststofftechnologin EFZ «Mit Technik macht der Mensch chemische Prozesse für sich nutzbar»

Tina Güdel lernt einen seltenen Beruf: Kunststofftechnologin. Es ist ihr Zweitberuf. Im Interview erklärt sie, weshalb sie eine zweite Lehre macht, wie sie den Umstieg erlebt hat, was sie am neuen Beruf fasziniert und welche beruflichen Pläne sie verfolgt.

Rolf Marti

«Ich möchte mich Richtung Produkt- und Materialforschung weiterbilden», sagt Tina Güdel. Bild: zvg.

Beginnen wir mit Ihrem Arbeitsalltag: Was macht eine Kunststofftechnologin bei Ypsomed?
Ich stelle Kunststoffteile für Medizinprodukte her, beispielsweise für unsere Pens. Sie ermöglichen die Selbstinjektion flüssiger Medikamente. Die Herstellung erfordert fundierte Kenntnisse der unterschiedlichen Kunststoffe und Prozesstechniken. Kunststoffbauteile werden gespritzt. Dazu richte ich die Spritzgussanlagen und mit dem Spritzgusswerkzeug ein, steuere und überwache den Prozess und kontrolliere das Resultat. Je nach gewünschter Produktqualität müssen Druck, Temperatur und Prozessgeschwindigkeit unterschiedlich gewählt werden.

Ihr Beruf verbindet Chemie und Technik. Was fasziniert Sie an dieser Kombination?
Wir sind umgeben von Chemie – und bestehen selbst aus Molekülen. Diese abstrakte Welt fasziniert mich. Wie verhalten sich die kleinsten Bauteile der Materie? Wie reagieren sie miteinander? Und: Wie lassen sie sich durch Technik beeinflussen? Mit Technik macht der Mensch chemische Prozesse für sich nutzbar. Sie ist das Werkzeug dazu. In meinem Beruf kommt vieles zusammen, das mir gefällt – die abstrakte Ebene, die ein gutes Vorstellungsvermögen voraussetzt, das technische Verständnis sowie die Kombination aus Kopf- und Handarbeit.

Kunststofftechnologin ist ihr Zweitberuf. Ihr Erstberuf war Fachfrau Gesundheit. Was hat Sie zum Wechsel bewogen?
Während der Pandemie erlitt ich ein Burnout. Das zwang mich, meine Lebensgestaltung und meine berufliche Situation zu hinterfragen. Ich nahm an einem Arbeitsintegrationsprogramm teil und schnupperte in verschiedenen handwerklich-technischen Berufen. Das hat mir gefallen. Eine meiner Vorgesetzten motivierte mich, in diese Richtung zu gehen, und stellte den Kontakt zu Ypsomed her. Ich nahm an einem Berufserkundungstag teil, schnupperte zwei Tage als Kunststofftechnologin, bewarb mich – und jetzt bin ich hier.

War Fachangestellte Gesundheit während der Berufswahl Ihr Wunschberuf?
Ja. Meine Mutter und meine Grossmutter arbeiteten bereits in der Pflege. Wohl deshalb hat mich das Gesundheitswesen interessiert. Ich habe mir viele Gesundheitssendungen angeschaut. Ich hätte mir aber auch eine Lehre als Sattlerin oder Kürschnerin vorstellen können. Aufgrund der beruflichen Perspektiven wurde mir davon abgeraten. Der Beruf als Fachfrau Gesundheit hat mir immer gut gefallen. Eher schwierig waren für mich die Arbeitsbedingungen.

Welche Kompetenzen aus Ihrem Erstberuf sind auch als Kunststofftechnologin hilfreich?
In der Pflege habe ich viele soziale und kommunikative Kompetenzen erworben. Die helfen mir auch im neuen Umfeld. Zudem habe ich gelernt, strukturiert und effizient zu arbeiten und überall dort anzupacken, wo es gerade etwas zu tun gibt.

Wie haben Sie den Wechsel von frauendominierten in männerdominierte Teams erlebt?
Problemlos. Ich fühle mich hier akzeptiert, kann mich einbringen und mich beruflich wie persönlich entwickeln. Aber klar: Es gibt Unterschiede zwischen Frauen- und Männerteams. Unter Frauen ist es üblich, dass man sich gegenseitig Hilfe anbietet. Bei Männern erlebe ich das anders. Sie fordern Hilfe ein, bieten sie aber nicht unbedingt an ... (lacht). Insgesamt passt das heutige Umfeld jedoch besser zu mir. Ich fühle mich sehr wohl bei Ypsomed.

Die Ausbildung zur Kunststofftechnologin dauert vier Jahre. Wie ist das bei Ihnen? Sie haben ja bereits einen Berufsabschluss.
Da ich meine Erstausbildung nicht in einem verwandten Berufsfeld gemacht habe, absolviere ich alle vier Lehrjahre. Allerdings bin ich an der Berufsfachschule vom Allgemeinbildenden Unterricht und vom Sport dispensiert.

Sie beenden Ihre Ausbildung 2028. Wie sehen Ihre beruflichen Pläne für danach aus?
Ich möchte bei Ypsomed weiterarbeiten und kann mir vorstellen, mich Richtung Produkt- und Materialforschung weiterzubilden. Mich interessieren Themen wie Biokunststoffe oder Kreislaufwirtschaft – überhaupt die Frage, wie man nachhaltig Kunststoff produzieren kann.

Infobox

Berufsinformation
Kunststofftechnologen/-innen stellen vielfältige Industrieprodukte aus Kunststoff her. Die Lehre dauert vier Jahre und führt zu einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ). Danach stehen zahlreiche Weiterbildungen im Rahmen der höheren Berufsbildung oder an Fachhochschulen offen. www.kunststoffberufe.ch

Berufsbildung Ypsomed
Ypsomed ist die führende Entwicklerin und Herstellerin von Injektionssystemen für die Selbstverabreichung flüssiger Medikamente. Das Unternehmen bildet an den Standorten Burgdorf und Solothurn mehr als 80 Lernende in elf Lehrberufen aus. www.ypsomed.com

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