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Inklusion in Ausbildung und Beruf - «Man darf sich nicht entmutigen oder ausgrenzen lassen»

Céline Joray ist seit ihrer Kindheit auf den Rollstuhl angewiesen – und hat ihren Weg konsequent gemacht: von der Sonderschule Rossfeld über eine KV-Lehre und die Berufsmaturität bis ins Psychologiestudium. Im Berufsalltag erlebt sie, dass Inklusion funktionieren kann – aber auch, wo sie an Grenzen stösst.

Kathrin Kiener

«Meine Familie und Freunde haben mich stets unterstützt und bestärkt», sagt Céline Joray.

Sie haben Ihre KV-Lehre im ersten Arbeitsmarkt absolviert – was hat Sie dabei am meisten gefordert?
Der Wechsel von der Sonderschule an die Wirtschafts- und Kaderschule (WKS) war die grösste Herausforderung. Im Rossfeld war vieles auf meine Bedürfnisse abgestimmt, etwa die in den Stundenplan integrierte Physiotherapie. Im KV hingegen fragte ich mich zunächst, ob ich dem Stoff gewachsen bin. Das Lerntempo war deutlich höher – trotzdem konnte ich gut mithalten und wurde offen aufgenommen.

Wie haben Sie den Einstieg in die Berufswelt erlebt?
In meiner KV-Praktikumsstelle am Institut für Pharmakologie der Universität Bern wurde ich von Anfang an gut unterstützt. Ich war die erste Mitarbeiterin mit einer Behinderung, der Arbeitsplatz wurde entsprechend angepasst. Zu Beginn spürte ich Berührungsängste und hatte das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Aufgaben gingen zunächst eher an andere Mitarbeitende – das änderte sich mit der Zeit. Heute arbeite ich weiterhin zu 20 Prozent am Institut und finanziere damit mein Studium.

Gab es Momente in Ihrer Ausbildung, in denen Inklusion besonders gut funktioniert hat?
Wenn mein Umfeld automatisch mitdachte: etwa bei der Wahl eines rollstuhlgängigen Restaurants für das Weihnachtsessen oder wenn mir Mitschülerinnen und Mitschüler beim Auspacken des Rucksacks halfen. In solchen Momenten hatte ich nicht das Gefühl, zusätzlichen Aufwand zu verursachen. Hilfreich war auch die Möglichkeit, bei Regen im Homeoffice zu arbeiten – mein Rollstuhl-Akku reagiert empfindlich auf Nässe.

Welche Erfahrungen haben Ihnen geholfen, Ihren Weg erfolgreich zu gehen?
Meine Familie und meine Freunde. Sie haben mich immer unterstützt und bestärkt. Ebenso wichtig war, mich nicht zu stark von externen Einschätzungen leiten zu lassen – etwa von IV-Stellen oder Ärzten, die oft Grenzen aufzeigen oder bestimmte Berufswege vorgeben. Meine Eltern waren mir dabei ein grosses Vorbild: unterstützend und durchsetzungsstark. Sie motivierten mich, nicht zu schnell aufzugeben.

Viele sprechen heute von Inklusion – wie erleben Sie die Realität im Alltag?
An meiner Arbeitsstelle wird Inklusion gelebt, ich bin gut ins Team eingebunden. Schwieriger war die Suche nach einer Praktikumsstelle für mein Psychologiestudium. Ich erhielt viele Absagen, oft wegen fehlender Rollstuhlgängigkeit. Inzwischen habe ich eine passende Stelle gefunden. Im Alltag erlebe ich beides: Menschen, die mich ansprechen oder ungefragt im Rollstuhl schieben – und viel Verständnis und Hilfsbereitschaft.

Sie studieren Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften – warum dieses Fach?
Ich arbeite gerne mit Menschen und Psychologie hat mich schon früh interessiert. Mich fasziniert, warum Menschen handeln, wie sie handeln, und welche Muster dahinterstehen. Gleichzeitig suchte ich einen Beruf, den ich langfristig ausüben kann. Das Studium gefällt mir sehr – und dank rollstuhlgängiger Verkehrsmittel ist auch der Weg nach Zürich gut machbar. Nach dem Master möchte ich die Therapieausbildung machen und später als klinische Psychologin arbeiten.

Was möchten Sie anderen Menschen mit einer Behinderung mit auf den Weg geben?
Sich nicht entmutigen oder ausgrenzen lassen. Ausprobieren, dranbleiben. Und: Kinder mit einer Behinderung nicht zu sehr in Watte packen – sie müssen ihren eigenen Weg finden. Für vieles gibt es Lösungen. Ein Beispiel: Meine Grundschule wollte mich zunächst nicht aufnehmen, weil das Gebäude nicht rollstuhlgängig war. Meine Mutter setzte sich für einen Lift ein. So konnte ich bis zur sechsten Klasse die öffentliche Schule besuchen – dafür bin ich bis heute dankbar.

Infobox

Die Stiftung Schul- und Wohnheime Rossfeld in Bern befähigt, begleitet und unterstützt Menschen mit körperlichen Behinderungen in ihrer Selbstbestimmung und Entwicklung. Die Institution bietet Schulbildung (Volksschule), Wohnen und Tagesstruktur für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
www.rossfeld.ch

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