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«Ich bin das beste Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist»

Susana Martins Ribeiro (l.) im Gespräch mit Evelyn Tsandev, die bei den BIZ Kanton Bern die Fachstelle Berufsabschluss für Erwachsene leitet.

Berufsabschluss für Erwachsene

Nach vier vollgepackten Jahren hat Susana Martins Ribeiro mit 48 Jahren ihre Ausbildung als Fachfrau Hauswirtschaft EFZ abgeschlossen. Wir haben sie nach Motivation, Hürden und Zukunftsplänen gefragt.

Interview: Karin Hänzi

Frau Martins, warum haben Sie sich im Erwachsenenalter für einen Berufsabschluss entschieden?
Mein ehemaliger Chef hat mich irgendwann gefragt, warum ich meine langjährige Erfahrung in der Hauswirtschaft nicht mit einem Abschluss offiziell unterstreiche. Ab da war die Idee in meinem Kopf. Ich hatte schon früher mit dem Gedanken gespielt, aber den richtigen Moment verpasst. Zuerst holte mein Mann seinen Abschluss als Koch nach, dann bekamen wir unsere Tochter. So kam immer wieder etwas dazwischen. Bis klar war: Jetzt ist meine Zeit. Also habe ich einen Termin auf dem BIZ gemacht.

Was konnten Sie von diesem Termin mit nach Hause nehmen?
Sehr viel Rückenstärkung und Unterstützung sowie alle Informationen zu den einzelnen Etappen auf meinem Weg zum Berufsabschluss. Evelyn Tsandev hat mit mir angeschaut, wie wir das Ganze am besten angehen. Zu wissen, dass ich schrittweise vorgehen kann und in diesem Dschungel von einer Expertin begleitet werde, war sehr wertvoll.

Wie hat Ihr Weg ausgesehen?
Angefangen habe ich mit dem einjährigen Vorbereitungskurs Grundkompetenzen. Hier war für die Zulassung ein Sprachdiplom A2 nötig. Darauf folgte ein Jahr Allgemeinbildender Unterricht für Erwachsene (ABU-E), zu welchem ich parallel einen weiteren Deutschkurs absolvierte. Beinahe wäre an dieser Station Feierabend gewesen: In der Zeit zwischen meiner Anmeldung für ABU-E und dem Schulstart haben sich die Vorgaben bezüglich Sprachnachweis geändert. Zum Glück hat Evelyn Tsandev interveniert und erreicht, dass ich trotzdem zugelassen wurde.

Wie ging es danach weiter?
Nach den zwei vorbereitenden Jahren ging es mit dem Berufskundeunterricht an der Berufsfachschule los. Als Erwachsene sind wir direkt im zweiten Lehrjahr eingestiegen, was anfangs sehr herausfordernd war, weil wir uns gleichzeitig mit dem Stoff des ersten Lehrjahrs vertraut machen mussten. Die Jugendlichen, mit denen wir die Berufsschule besuchten, waren sehr unterstützend. Zuerst dachte ich, um Himmels willen, in meinem Alter noch einmal in die Schule und dies mit Jugendlichen, die im Alter meiner Tochter sind. Aber sie waren alle hilfsbereit und haben mich mit offenen Armen empfangen.

Gab es Momente, in denen Sie ans Aufgeben dachten?
Immer wieder. Fragen Sie meinen Mann, er hatte in dieser Zeit mit meiner Tochter und mir gleich zwei Lernende zu Hause. Das war nicht immer einfach. Trotzdem war die Unterstützung meiner Familie riesig und entscheidend. Wann immer ich sagte, ich kann nicht mehr, bauten sie mich auf. Gleiches gilt für meine Arbeitskolleginnen. Auch sie haben mich immer in meinem Vorhaben bestärkt, meine Fragen beantwortet, mir Tipps gegeben. Einmal sagte eine Kollegin: Jetzt bist du ins Wasser gesprungen, jetzt musst du schwimmen. Dieses Bild hatte ich danach immer im Hinterkopf.

Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie erfahren haben, dass Sie bestanden haben?
Oh ja. Ich musste an diesem Tag bis 16 Uhr arbeiten. Schon am Vormittag trudelten im Klassen-Chat die ersten «Bestanden!»-Nachrichten ein. Als ich endlich Feierabend hatte, ging ich mit meinen Kolleginnen noch etwas trinken, um Zeit zu schinden. Ich hatte so Angst, nicht bestanden zu haben. Meine Tochter rief sogar noch an: «Mama, du hast Post!» Geöffnet haben wir den Brief erst, als alle zu Hause waren. Dann habe ich vor Freude und Erleichterung geweint.

Was raten Sie Erwachsenen, die am gleichen Punkt stehen wie Sie vor vier Jahren?
Dass sie sich nicht von ihrer Angst blockieren lassen, sondern mutig den ersten Schritt machen. Es ist nicht einfach – aber mit Mut, Einsatz und Durchhaltewillen lässt sich so viel erreichen. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist und auch Erwachsenen viele Türen offenstehen. Ich habe so viel Freude am Lernen gewonnen, dass ich noch die Ausbildung zur Berufsbildnerin gemacht habe. In diesem Bereich arbeiten zu können, ist mein grosser Wunsch. Ich weiss aus Erfahrung, wie wichtig eine engagierte Bezugsperson ist. Ebenso wichtig ist das Umfeld, das private und das berufliche. Und: Unbedingt im Vorfeld gut informieren und sich dafür an die Profis vom BIZ wenden. 

Infobox

Mehr zum Berufsabschluss für Erwachsene sowie ein Erklärvideo finden Interessierte unter www.be.ch/bae

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