
Lehrvertragsauflösung
Lorin Aeschlimann ist im dritten von vier Lehrjahren. Im Herbst 2025 musste sein Lehrbetrieb Konkurs anmelden. Zwei Monate später fand der angehende Automatiker EFZ eine neue Lehrstelle. Wie hat er die heikle Situation gemeistert – und welche Lehren zieht er daraus?
Rolf Marti
Ihr ehemaliger Lehrbetrieb musste Konkurs anmelden. Was ging Ihnen durch den Kopf, als klar wurde, dass Sie einen neuen Lehrbetrieb finden müssen?
Ich war in den Wanderferien, als ich davon erfuhr. Stimmungsmässig war das ein ziemlicher Dämpfer – diese plötzliche Ungewissheit, wie es mit der Lehre weitergehen würde. Hinzu kam etwas Wehmut. Ich fühlte mich im Betrieb und im Team überaus wohl.
Vor dem Konkurs war Ihr ehemaliger Lehrbetrieb länger in Kurzarbeit. Wie wirkte sich das auf die Ausbildung der Lernenden aus?
Von Kurzarbeit war ich persönlich nicht betroffen, weil Lernende nicht auf Kurzarbeit gesetzt werden dürfen. Spürbar war die schwierige Situation aber schon. Ab Sommer 2023 gab es immer weniger zu tun, und die Arbeiten, die verblieben, waren weniger interessant. Als Automatiker hätte ich gerne bei der Inbetriebnahme von Anlagen mitgeholfen – aber es wurden kaum noch welche installiert. Hinzu kam, dass auch die Berufsbildenden Kurzarbeit hatten. Sie bereiteten zwar Aufgaben für die Lernenden vor, waren aber nicht mehr täglich im Betrieb. Am meisten zu schaffen machte mir die gedrückte Stimmung im Betrieb. Das wirkte sich auf die Motivation aus.
Wie schwierig und belastend war es, einen neuen Lehrbetrieb zu finden?
Es hat mich beschäftigt, aber nicht belastet. Ich zweifelte nie daran, dass ich eine neue Lehrstelle finden würde. Nach zwei Monaten war es dann so weit – beim Berufslernverbund Thal-Mittelland in Zuchwil.
Wer oder was hat Ihnen in dieser Phase geholfen?
Der ehemalige Lehrbetrieb war sehr unterstützend. Er fragte bei vielen Betrieben an und teilte uns Lernenden mit, wo wir uns bewerben können. Parallel dazu wurde ich mit meinen Eltern aktiv. Der Leiter des Berufslernverbunds kannte meinen Vater und stellte den Kontakt her. Nach drei Schnuppertagen konnte ich durchatmen: Ich hatte die neue Lehrstelle.
Wie haben Sie die Unterstützung durch das Mittelschul- und Berufsbildungsamt erlebt?
Das Amt führte im alten Lehrbetrieb eine Informationsveranstaltung durch, an der die Eltern teilnehmen konnten. Wir wurden über die verschiedenen rechtlichen Aspekte informiert. Zudem bot sich das Amt als Anlaufstelle für Fragen an.
Sie haben die Lehre im Kanton Bern gestartet, jetzt beenden Sie diese im Kanton Solothurn. Bedeutet das: Wechsel der Berufsfachschule?
Nein. Da ich bereits im dritten Lehrjahr bin, kann ich die Berufsfachschule weiterhin in Langenthal besuchen. Bei jüngeren Lernenden kann es in solchen Situationen zu einem Wechsel kommen.
Sie haben früh erfahren, wie unsicher der Arbeitsmarkt sein kann. Welche persönlichen Lehren ziehen Sie daraus?
Ich lerne in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie – einer Branche, die gerade schwierige Zeiten durchlebt. Man muss gute Qualifikationen vorweisen, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Deshalb werde ich mich weiterbilden – mit einer höheren Berufsbildung oder der Berufsmaturität und einem Fachhochschulstudium.
Gibt es eine Botschaft, die Sie Lernenden in einer ähnlichen Situation mitgeben möchten?
Aufgeben ist keine Option. In der heutigen Arbeitswelt braucht man einen Berufsabschluss. Und: Wer sich bei einem neuen Betrieb bewirbt, muss den allfälligen Frust über den Verlust der alten Lehrstelle ablegen und sich motiviert zeigen – sonst wird es schwierig.
Infobox
Lehrvertragsauflösungen: 80 Prozent machen weiter
Rund jeder vierte Lehrvertrag wird vorzeitig aufgelöst. Die Gründe dafür sind vielfältig: ungenügende Leistungen in Schule und Lehrbetrieb, Konflikte im Lehrbetrieb, eine falsche Berufswahl aber auch der Konkurs des Lehrbetriebs oder ein Besitzerwechsel. Die gute Nachricht: 80 Prozent der Lernenden setzen ihre Ausbildung fort und schliessen sie erfolgreich ab.
Ausbildungsberatung: Unterstützung für Lernende und Lehrbetriebe
Die Ausbildungsberatung des Kantons Bern (Mittelschul- und Berufsbildungsamt) steht bei Lehrvertragsauflösungen den betroffenen Lernenden und Eltern wie auch den Lehrbetrieben zur Seite. Sie hilft mit, die Trennung fair zu gestalten.
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