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Die Arbeit hinter den Kulissen — «Alle müssen bereit sein, Kompromisse einzugehen»

Wie funktioniert Berufsbildungspolitik – und wie entstehen trotz unterschiedlicher Interessen tragfähige Lösungen? Christine Davatz muss es wissen. Von 1986 bis 2022 hat sie die Berufsbildung als Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbands (sgv) – und in zahlreichen weiteren Funktionen – massgeblich mitgeprägt.

«Die Lehrstellenkrise der späten 90er- und frühen 00er-Jahre brachte die Berufsbildung in die Schlagzeilen und auf die politische Agenda», sagt Christine Davatz.

Rolf Marti

In einem neuen Buch zur Berufsbildungspolitik (Kasten) sagen Sie, in der Berufsbildung sei man auf Gedeih und Verderb zur Zusammenarbeit verdammt. Was meinen Sie damit?
Die Berufsbildung wird von drei gleichberechtigten Partnern gesteuert und umgesetzt: dem Bund, den Kantonen und den Sozialpartnern – also den Arbeitgeber- und den Arbeitnehmerorganisationen. Diese Verbundpartner haben unterschiedliche Aufgaben und Interessen, aber auch gemeinsame Ziele: eine Berufsbildung, die für Jugendliche attraktiv ist, den Lernenden gute Ausbildungsbedingungen bietet und den Arbeitsmarkt mit Fachkräften versorgt. Diese Ziele erreichen wir nur durch konstruktive Zusammenarbeit.

Sie sind Ende der 80er-Jahre als Vertreterin der Arbeitgeber in die Berufsbildungspolitik eingestiegen. In welchem Zustand war die Berufsbildung damals?
Sie fristete ein Mauerblümchendasein und war in der öffentlichen Debatte kaum präsent. Der Lehrstellenmarkt war stabil, auch wenn handwerkliche Berufe bereits damals nach passendem Nachwuchs suchen mussten. Was die Verbundpartner betrifft: Es gab kaum Koordination, jeder schaute für sich.

Heute findet die Berufsbildung breite Anerkennung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Warum haben sich ihr Image und ihre Akzeptanz verbessert?
Die Lehrstellenkrise der späten 90er- und frühen 00er-Jahre brachte die Berufsbildung in die Schlagzeilen und auf die politische Agenda. Plötzlich hiess es, es gebe zu wenig Lehrstellen – obwohl dies vor allem anspruchsvollere Berufe betraf. Der Bund beschloss Massnahmen zur Förderung der Berufsbildung. Parallel dazu entstand das neue Berufsbildungsgesetz, das 2004 in Kraft trat und die Berufsbildung moderner und attraktiver machte. Schliesslich hat auch das Buch von Rudolf Strahm – Warum wir so reich sind – zu einer anderen Wahrnehmung der Berufsbildung beigetragen.

Welches waren die wichtigsten Reformen der letzten dreissig Jahre?
Eine zentrale Innovation war die Einführung der Berufsmaturität und der Fachhochschulen 1995. Berufslernende erhielten so Zugang zum Hochschulbereich. Weitere Innovationen brachte das neue Berufsbildungsgesetz: Die Verbundpartnerschaft wurde gestärkt, die Rolle der Berufsverbände aufgewertet, die Berufe aus den Bereichen Gesundheit, Soziales und Kunst in die Berufsbildung integriert und die zweijährige berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest eingeführt. Zudem wurde ein Innovationsfonds eingeführt. Wichtig war auch der Lehrplan 21 der Volksschulen, der die Berufsorientierung im 8. und 9. stärkt. Schliesslich ist die anstehende Einführung der Titel «Professional Bachelor» und «Professional Master» für die höhere Berufsbildung zu erwähnen. Sie stärken die Position dieser Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt.

Wie gelingt es, die unterschiedlichen Interessen der Verbundpartner zu bündeln – und Blockaden zu vermeiden?
Indem man die gemeinsamen Ziele und die Bedürfnisse der Lernenden in den Mittelpunkt stellt. Klare Standpunkte und Erwartungen schaffen Transparenz. Aber alle müssen kompromissbereit sein. In der Berufsbildung funktioniert das gut. Vielleicht auch, weil die Schweiz eine auf Konsens ausgerichtete politische Tradition hat.

Wie entscheidend sind profilierte Persönlichkeiten für die Berufsbildung?
Für die politische Debatte und die veröffentlichte Meinung muss man Positionen an einzelnen Köpfen festmachen können; an Persönlichkeiten, die mit Herzblut für die Berufsbildung einstehen und ihre Anliegen glaubwürdig vertreten. Für das Image der Berufsbildung entscheidender sind aber junge Menschen, die dank der Berufsbildung ihre Talente entfalten und erfolgreich sind. Solche Vorbilder haben Signalwirkung für Jugendliche im Berufswahlalter und für Eltern, die der Berufsbildung skeptisch gegenüberstehen.

Im erwähnten Buch sagen Sie: «Meine Eltern drängten mich ins Gymnasium». Hätten Sie lieber eine Lehre gemacht als Jura studiert?
Ja, ich wäre gerne Verkäuferin geworden – und bestimmt eine gute … (lacht). Aber ich kam mit zwölf Jahren ins Progymnasium, damit war Gymnasium vorgegeben. Alternativen wurden erst gar nicht erwogen. Im Nachhinein würde ich mir wünschen, meine Eltern hätten meine Interessen und Fähigkeiten gut abgeklärt, sodass ich auf solider Grundlage und unvoreingenommen meine Berufswahl hätte treffen können. Ich kann den heutigen Eltern nur raten, auf die Interessen ihrer Kinder zu achten und gegenüber allen Bildungswegen offen zu sein.

Zum Buch

Das Buch «Die Arbeit hinter den Kulissen» von EHB-Professor Lorenzo Bonoli zeigt, welche Kräfte auf die Berufsbildung einwirken. Im Zentrum stehen zwei Persönlichkeiten, die das System während Jahrzehnten mitgeprägt haben: Christine Davatz (bis 2022 Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbands) und Bruno Weber-Gobet (bis 2021 Leiter Bildungspolitik Travail.Suisse). Erschienen im hep Verlag (ISBN 978-3-0355-2866-4)

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