
Das Sozialunternehmen Seeburg in Interlaken integriert Menschen mit psychischen, körperlichen und kognitiven Einschränkungen in den Arbeitsmarkt, darunter auch Jugendliche im Rahmen der beruflichen Grundbildung. Wie das geht, weiss Martin Furrer. Er ist Leiter des Bödeli Centers – einem Detailhandelsbetrieb der Seeburg.
Rolf Marti
Was macht das Sozialunternehmen Seeburg?
Wir unterstützen Jugendliche und Erwachsene mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen beim Einstieg bzw. Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Dazu führen wir eigene Betriebe und Werkstätten. Einer dieser Betriebe ist das Bödeli Center, das Markt, Outlet und Brocki in einem ist. Darüber hinaus bieten wir verschiedene Wohnmöglichkeiten an.
Ein Schwerpunkt liegt bei der beruflichen Integration von Jugendlichen. Wer kann von ihren Leistungen profitieren?
Jugendliche, die eine ärztliche Diagnose haben, aus schwierigen Verhältnissen stammen oder in einer persönlichen Krise stecken. Im Regelfall erfolgt die Zuweisung über die Invalidenversicherung oder einen Sozialdienst.
Vor welchen Herausforderungen stehen diese Jugendlichen beim Berufseinstieg?
Sie bringen alle einen «Rucksack» mit, der sie daran hindert, in eine Lehre im ersten Arbeitsmarkt einzusteigen. Sie haben vielleicht psychische oder körperliche Probleme, ein instabiles privates Umfeld, ungenügende Sozialkompetenzen oder Lernschwierigkeiten. Oft ist es eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Normale Lehrbetriebe können das kaum auffangen, weil sie weder die zeitlichen Ressourcen dazu noch das erforderliche Know-how für eine individuelle Begleitung und Förderung dieser Jugendlichen haben.
Sie unterstützen die Jugendlichen bereits vor Ausbildungsbeginn. In welcher Form?
Wir bieten verschiedene Programme an, vom Aufbautraining, über die berufliche Abklärung bis zur Schnupperwoche. Nach der Berufswahl helfen wir den Jugendlichen bis zum Lehrbeginn, schulische Lücken zu schliessen und persönliche Kompetenzen aufzubauen, damit der Einstieg in die Ausbildung gelingt.
Welche Wege können Sie den Jugendlichen anbieten?
Wir bieten Ausbildungen in 14 Berufsfeldern an – von Handwerk und Logistik über Detailhandel und KV bis hin zu Informatik oder Gastronomie. Im Schnitt haben wir 55 Lernende. Die meisten absolvieren eine zwei-, drei- oder vierjährige berufliche Grundbildung – streben also ein eidg. Berufsattest oder ein eidg. Fähigkeitszeugnis an. Darüber hinaus bieten wir auch die Vorlehre sowie die niederschwellige Praktische Ausbildung (Insos PrA) an. Während der Lehre absolvieren alle ein Praktikum in einem externen Betrieb. Apropos: Weitere Partnerbetriebe sind jederzeit willkommen … (schmunzelt).
Wie sieht die Begleitung während der Ausbildung aus?
Das Wichtigste: Wir haben viel Zeit für die Lernenden und können ihnen die erforderliche arbeits- und sozialpädagogische Unterstützung bieten. In unseren Lernwerkstätten festigen wir den Stoff aus der Berufsfachschule und den überbetrieblichen Kursen. Zudem haben alle einen Job-Coach an der Seite, der bei persönlichen Problemen sowie beim Übergang von der Lehre in den Arbeitsmarkt unterstützt. Weiter kooperieren wir eng mit der Berufsfachschule, sodass wir bei Problemen rasch reagieren können.
Die Seeburg bietet auch Wohnplätze an. Wie wichtig sind diese für den Ausbildungserfolg?
Eine stabile Wohnsituation ist die Voraussetzung für den Lernerfolg. Deshalb bieten wir Wohnplätze mit unterschiedlich intensiver Begleitung an – vom rundum betreuten Wohnhaus bis zur weitgehend selbstständig geführten Wohngemeinschaft. So stellen wir sicher, dass die Lernenden pünktlich zur Arbeit erscheinen, ihre Medikamente einnehmen, sich gut ernähren, ihre administrativen Belange regeln usw. Etwa die Hälfte der Lernenden nutzt unsere Wohnangebote.
Woran messen Sie den Erfolg Ihrer Massnahmen?
Wir haben für alle dasselbe Ziel: einen erfolgreichen Lehrabschluss und die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Das gelingt fast immer. Letztes Jahr haben 14 von 15 Lernenden das Qualifikationsverfahren bestanden. Jemand hat sogar das beste Resultat aller Kandidatinnen und Kandidaten im Kanton Bern erzielt. Besonders freut uns, wenn jemand bei uns startet und danach Karriere macht. Als Erfolg werten wir auch, wenn junge Menschen ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln und ihre Selbstwirksamkeit entdecken.
Infobox
Seeburg, Interlaken
Der Verein Seeburg wurde 1996 gegründet und beschäftigt rund 180 Mitarbeitende. Er nimmt im Berner Oberland wichtige sozialpädagogische, pflegerische sowie arbeits- und gesellschaftsintegrative Aufgaben wahr.
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