Schweizer Unternehmen investieren in den USA in die Berufsbildung. Auch die in Bern beheimatete United Machining Solutions. Zu ihr gehört die Schleifmaschinenherstellerin Fritz Studer AG in Steffisburg. Roger Leuenberger ist Leiter Berufsbildung bei Studer. Er erklärt, wie das Engagement in den USA funktioniert und weshalb es sich lohnt.
Rolf Marti

In den Zollverhandlungen mit den USA wirft die Schweiz gerne Investitionen in die Berufsbildung in die Waagschale. Gibt es in den USA keine Berufsbildung?
Doch. Sie funktioniert jedoch anders als in der Schweiz. Die USA setzen primär auf vollschulische Angebote an Berufszentren und an Hochschulen. Ein duales System – ein System also, in dem die Lernenden als Angestellte eines Betriebs einen Grossteil ihrer Ausbildung in der betrieblichen Praxis absolvieren – ist in den USA nicht die Regel. Die Betriebe bieten für angehende Berufsleute aus den vollschulischen Angeboten meist nur Kurzpraktika oder sogenannte Coops an. Das sind mehrmonatige, bezahlte Praxisphasen, die als integraler Bestandteil eines akademischen Hochschulstudiums konzipiert sind.
United Machining Solutions, ein international tätiges Maschinenbauunternehmen, betreibt mit United Grinding North America einen Standort in Ohio und bildet dort derzeit dreizehn Lernende aus.. Welche Motivation steckt dahinter?
Auch in den USA fehlen gut ausgebildete Fachkräfte – insbesondere im Bereich der Mechatronik, in dem unsere Unternehmensgruppe tätig ist. Da wir technisch hochpräzise Produkte fertigen, sind spezifisches Wissen und ausgeprägte handwerkliche Fertigkeiten unerlässlich. Angesichts dieser Ausgangslage ist es eine zielführende Strategie, die benötigten Fachkräfte selbst und damit praxisnah auszubilden.
Welche Berufe werden in Ohio ausgebildet?
Wir bilden einzig den Beruf «Mechatroniker/in» aus. Das sind Fachkräfte für die Entwicklung, den Bau und die Wartung von technisch komplexen Anlagen und Systemen.
Musste die United Grinding North America die Ausbildung komplett selbst aufbauen oder konnten sie auf bestehende Strukturen zurückgreifen?
Unser Ausbildungsprogramm wurde – innerhalb der Richtlinien des Staates Ohio und in enger Zusammenarbeit mit einer lokalen Technischen Hochschule – von A bis Z eigenständig aufgebaut. Inhaltlich haben wir uns stark an den in den deutschsprachigen Ländern geltenden Vorgaben für den Beruf Mechatroniker/in orientiert. Die Auszubildenden sind im Betrieb angestellt und erhalten Lohn. Die Ausbildung dauert vier Jahre und findet in der betrieblichen Praxis, in unserer Lernwerkstätte und an der Technischen Hochschule statt.
Ist die Ausbildung in Ohio vergleichbar mit jener in der Schweiz – oder gibt es Unterschiede?
Sie ist weitgehend vergleichbar. Allerdings macht der Staat Ohio den Betrieben weniger Vorschriften und Vorgaben. Das bedeutet: Sie haben mehr Freiheiten, wie sie die Ausbildung ausgestalten wollen. Entsprechend schwankt die Ausbildungsqualität von Betrieb zu Betrieb erheblich und entspricht nicht überall den Standards, die wir uns wünschen würden.
In den USA hat die duale Berufsbildung keine Tradition. Wie reagieren Jugendliche und Eltern auf das Angebot?
Wir stossen auf sehr gute Resonanz. Auf Lehrbeginn 2026 haben wir fünf Ausbildungsplätze ausgeschrieben und darauf 400 Bewerbungen erhalten. Unser Ausbildungsmodell ist sowohl für die Jugendlichen als auch für die Eltern attraktiv. Die Jugendlichen erhalten einen anerkannten College-Abschluss mit ausgewiesener Arbeitsmarkterfahrung sowie die begehrte «Journeyman Card», die in der Schweiz einem anerkannten Berufsabschluss entspricht. Die Eltern profitieren, weil sie für die Ausbildung ihrer Kinder nicht bezahlen müssen – was in den USA ansonsten üblich ist. Der Betrieb trägt sämtliche Ausbildungskosten und zahlt den Auszubildenden zudem einen Lohn.
Kann die United Grinding North America in Ohio die ausgebildeten Fachkräfte im Betrieb halten?
Der erste Lehrgang schliesst 2027 ab. Ziel ist, möglichst viele Fachkräfte zu halten. Die Lernenden des ersten Jahrgangs sind gut auf die Praxis vorbereitet. Entsprechend haben sie Jobangebote von den Abteilungen erhalten. Grundsätzlich könnten alle bleiben, da wir mehr offene Stellen haben, als Lernende ihre Ausbildung beenden. Wir haben deshalb dieses Jahr die Zahl der Lehrstellen erhöht.
Gibt es im Bildungsbereich einen Austausch zwischen Steffisburg und Ohio?
Noch nicht. Aber beide Werke haben ihr Interesse signalisiert. Ich hoffe daher, dass wir in naher Zukunft starten können. Ein solcher Austausch wäre für beide Seiten wertvoll. Im Vordergrund stehen Auslandpraktika von Lernenden – dass also Lernende aus Ohio nach Steffisburg kommen bzw. unsere Lernenden nach Ohio gehen.
Infobox
Die Fritz Studer AG gehört zur Gruppe United Machining Solutions – einem der grössten Werkzeugmaschinenhersteller weltweit mit rund 5000 Mitarbeitenden an über 50 globalen Produktions-, Service- und Vertriebsstandorten. Bei der Fritz Studer AG in Steffisburg werden rund 70 Lernende in 8 mehrheitlich technischen Berufen ausgebildet.
www.berufsbildung.studer.com
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