Elissar Wolff und Yassin Kahfi haben vor einem Jahr an der Berner Maturitätsschule für Erwachsene (BME) ihre Matura abgeschlossen. Heute stehen sie mitten im Studium. Im Gespräch erzählen sie, was sie zum zweiten Bildungsweg bewogen hat und was sie aus dieser Zeit mitgenommen haben.
Kathrin Kiener

Was hat Sie dazu motiviert, als Erwachsene die Matura nachzuholen?
Wolff: Meine Arbeit als Kulturschaffende kam während der Covid-Pandemie praktisch zum Stillstand. Das brachte mich dazu, mich beruflich neu zu orientieren.
Kahfi: Ich habe bereits während meiner Lehre im Gesundheitswesen gemerkt, dass ich mich beruflich später in eine andere Richtung entwickeln möchte. Mit der Matura wollte ich mir den Zugang zu einem Hochschulstudium ermöglichen.
Was haben Sie vor der BME gemacht?
Wolff: Die Matura an der BME war mein erster Bildungsabschluss nach der obligatorischen Schule. Ich habe zuvor als freischaffende Musikerin und im Kulturbereich gearbeitet.
Kahfi: Ich habe eine Ausbildung als Fachmann Gesundheit in einem Spital absolviert. Danach war ich noch eine Zeit lang in diesem Beruf tätig, bevor ich den Militärdienst absolvierte.
Wie haben Sie während der BME Schule, Beruf und Alltag organisiert?
Wolff: Die meisten Kulturveranstaltungen finden abends oder samstags statt, ebenso der Unterricht an der BME. Deshalb musste ich mein Arbeitspensum während der Kulturveranstaltungen reduzieren und war zunehmend im Büro tätig. Das erforderte viel Flexibilität.
Kahfi: Ich habe neben der BME weiterhin in der Pflege gearbeitet. Bei der Einsatzplanung konnte ich meine Bedürfnisse einbringen und wechselte schliesslich in den Nachtdienst. So liessen sich Schule und Job recht gut vereinbaren.
Was war für Sie die grösste Herausforderung während der BME?
Wolff: Die vielen Fächer und die ständig neuen Themen waren anspruchsvoll. Chemie oder Biologie hatte ich beispielsweise seit der Sekundarschule nicht mehr. Manche Fächer fielen mir leicht, für andere musste ich deutlich mehr investieren. Das verlangte viel Durchhaltevermögen.
Kahfi: Das Tempo war sehr hoch und die Stoffmenge gross. Das erforderte Selbstdisziplin und eine gute Vorbereitung auf den Unterricht, sonst wurde man abgehängt. All dies neben der Arbeit zu bewältigen, war manchmal schwierig.
Wie ging es für Sie nach der Matura weiter?
Wolff: Ursprünglich wollte ich Lehrerin werden. Nach einer Schnuppervorlesung an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät habe ich mich aber für ein Jurastudium entschieden. Später könnte ich mir vorstellen, im Bereich der Kriminologie zu forschen.
Kahfi: Zunächst dachte ich über ein Medizinstudium nach. Ich merkte aber, dass ich langfristig nicht im Gesundheitsbereich bleiben wollte. Heute studiere ich an der Pädagogischen Hochschule mit dem Ziel, Oberstufenlehrer zu werden. Mich motiviert es, Kinder in der letzten Phase der Volksschule zu begleiten.
Was haben Sie aus Ihrer Zeit an der BME mitgenommen?
Wolff: Die BME hat mich gut auf das Studium vorbereitet. Vieles fällt mir heute leichter, weil ich es gewohnt bin, selbstständig zu lernen und mich zu organisieren. Die Zeit an der BME hat mich zudem widerstandsfähiger gemacht.
Kahfi: Ich habe gelernt, mich selbst zu motivieren und den roten Faden nicht zu verlieren. Dank der BME schaffe ich es heute gut, Arbeit und Studium zu vereinbaren. So bleibt mir Zeit für Freundeskreis und Hobbys.
Welchen Rat geben Sie Erwachsenen, die die Matura nachholen möchten?
Wolff: Die BME steht allen offen, unabhängig von der Vorbildung. Es ist nie zu spät, die Matura nachzuholen. Man muss jedoch bereit sein, dreieinhalb Jahre zu investieren und in dieser Zeit auf einiges zu verzichten – doch es lohnt sich.
Kahfi: Man sollte offen sein für Neues und sich gerne Wissen aneignen. Das Wichtigste ist aber: dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben. Alles in allem fand ich die Zeit an der BME bereichernd – auch wegen des Klassenzusammenhalts und des Austauschs mit den Lehrpersonen.
Infobox
Die BME ist eine Institution des Kantons Bern und bietet zwei Bildungsformate an:
- Der Bildungsgang «Gymnasiale Maturität für Erwachsene» bereitet auf die kantonale gymnasiale Maturität vor (schweizweit anerkannt). Er dauert maximal 7 Semester und basiert auf Selbststudium und Unterricht. Der Eintritt erfordert keine spezifischen Vorkenntnisse.
- Der Kurs «Passerelle für den Universitätszugang» bereitet Inhaber/-innen einer Berufs- oder Fachmaturität auf die hausinterne Ergänzungsprüfung «Passerelle» vor, welche den Zugang zu den universitären Hochschulen ermöglicht. Der Kurs umfasst Selbststudium und Unterricht.
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