Seit 2006 verfolgt die Schweiz das Ziel, dass 95 Prozent aller 25-Jährigen eine Ausbildung auf Sekundarstufe II (Mittelschule, Berufslehre) abschliessen. Diese Marke wurde bisher verfehlt. Woran liegt das? Und: Was ist zu tun? Im Gespräch: Klára Sokol, Generalsekretärin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK).
Rolf Marti

Frau Sokol, weshalb ist es wichtig, dass 95 Prozent der 25-Jährigen über einen Abschluss der Sekundarstufe II verfügen?
Ein solcher Abschluss ist der Schlüssel zum Einstieg ins Berufsleben oder zu einer weiterführenden Ausbildung. Mehr noch: Wer eine Lehre oder eine Mittelschule abgeschlossen hat, hat ein deutlich geringeres Risiko, später von Arbeitslosigkeit betroffen oder auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Es ist in unserem Interesse, möglichst viele junge Menschen dazu zu befähigen, ein eigenständiges Leben zu führen.
2017 lag die Quote bei 91,3 Prozent, 2023 bei 90,2 Prozent. Das Ziel wird nicht nur verfehlt, die Quote sinkt sogar. Was läuft schief?
Diese Frage beschäftigt uns. Das Positive vorweg: Im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz weiterhin gut ab. Gleichzeitig stehen wir vor einer grossen Aufgabe. Ansetzen müssen wir bei den vulnerablen Gruppen – bei Jugendlichen aus wirtschaftlich oder sozial benachteiligten Verhältnissen, mit wenig Unterstützung aus dem privaten Umfeld, Sprachbarrieren oder psychischen Belastungen. Für sie müssen wir noch mehr tun.
Eine genauere Analyse zeigt grosse Unterschiede zwischen den Kantonen. Nidwalden erreicht rund 96 Prozent, Genf nur 85 Prozent. Wie erklären Sie das?
Es gibt markante kantonale Unterschiede. Doch der Blick auf die Kantone allein reicht nicht als Erklärung. Es gibt Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie den Sprachregionen. Entscheidend sind auch die lokale Wirtschaftsstruktur, die kulturellen Prägungen in Bezug auf die Bildungswege sowie die Sozialisierung der Jugendlichen.
Der Bildungsbericht 2026 führt 70 Prozent der kantonalen Unterschiede auf den Mix zwischen Berufs- und Allgemeinbildung zurück. Pointiert gesagt: je mehr Gymnasium, desto tiefer die Quote.
Der Bildungsbericht betont aber auch, dass «damit kein kausaler Zusammenhang bewiesen ist.» Das Verhältnis zwischen Berufs- und Allgemeinbildung ist komplex. Fest steht: Wir brauchen beide Bildungswege. Die Berufsbildung muss attraktiv und hoch integrativ sein – für Jugendliche mit erschwerten Startbedingungen als auch für leistungsstarke junge Menschen. Gleichzeitig brauchen wir Mittelschulen, die kognitiv begabte Jugendliche auf akademische Berufe vorbereiten.
Es gibt auch geschlechterspezifische Unterschiede: Frauen erzielen die höhere Abschlussquote als Männer (91,6% zu 88,9%). Haben Sie eine Erklärung?
Schon in der Volksschule schneiden Knaben im Schnitt etwas schlechter ab als Mädchen. Schulische Defizite in der obligatorischen Schule wirken sich auf die gesamte Bildungsbiografie aus. Deswegen liegt unser Augenmerk auf dieser Bildungsstufe. Erfolg auf Sekundarstufe II ist ohne erfolgreiche Schulbildung kaum denkbar.
Sie haben gesagt, man müsse bei den vulnerablen Jugendlichen ansetzen. Konkret: Was ist zu tun, um dem 95-Prozent-Ziel näher zu kommen?
Hier gilt es zwischen strukturellen und individuellen Massnahmen zu unterscheiden. Auf struktureller Ebene geht es darum, die verschiedenen Unterstützungsangebote besser zu vernetzen und aufeinander abzustimmen. Ich denke an eine Begleitung über die verschiedenen Bildungsstufen hinweg – von der Volksschule über die Ausbildung bis zum Eintritt ins Erwerbsleben. Für Jugendliche sind die Stufenwechsel besonders kritisch. Hier ist die Gefahr gross, durchs Netz zu fallen. Auf individueller Ebene steht die pädagogische Beziehungsarbeit im Vordergrund. Gerade vulnerable Jugendliche verfügen in ihrem Umfeld über wenig soziokulturelle Ressourcen und haben so schlechtere Startchancen. Hier können Bezugspersonen, die sie individuell begleiten, einen Unterschied machen. Letztlich braucht es ein gutes Zusammenspiel aller Beteiligten – Bund, Kantone, Lehrbetriebe, Schulen, Sozialdienste, Familie usw. Das Engagement lohnt sich – für jede Person, die so den Einstieg in die Arbeitswelt schafft, aber auch für die Gesellschaft und die Volkswirtschaft.
Wenn Sie eine einzige Massnahme verordnen könnten: Welche wäre es?
Ich wünsche mir, dass wir bei der Suche nach Lösungen die Gesamtsicht wahren. Zu oft konzentrieren wir uns nur auf die aktuellen Probleme eines Jugendlichen. Stattdessen sollten wir seine Chancen innerhalb des gesamten Bildungssystems im Blick behalten und uns überlegen, wie diese zu nutzen ist.
Infobox
Bund, Kantone und Wirtschaft haben Anfang Mai 2026 eine Tagung zum 95-Prozent-Ziel durchgeführt. Rund 300 Personen haben eine Standortbestimmung vorgenommen und über Massnahmen zur Erhöhung der Quote diskutiert. Die Resultate fliessen in die weitere Arbeit von Kantonen, Bund und Organisationen der Arbeitswelt ein.
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