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«Es braucht auch in Zukunft viel kaufmännisches Know-how»

«Die Lehrbetriebe begrüssen die Reform, weil sie die kaufmännische Grundbildung zukunftsfähig macht», sagt Michael Kraft. Bild: Rolf Marti

       

Mit Lehrbeginn 2023 starten die neuen kaufmännischen Grundbildungen. Michael Kraft erklärt, was sich für die Lernenden ändert. Er ist Leiter Bildung beim Kaufmännischen Verband Schweiz und Präsident der IGKG Schweiz*.

Rolf Marti

Die dreijährige berufliche Grundbildung Kauffrau/Kaufmann EFZ und die zweijährige berufliche Grundbildung Kauffrau/Kaufmann EBA wurden umfassend revidiert. Warum?
Das kaufmännische Berufsfeld hat sich gewandelt und wandelt sich weiter. Digitale Technologien prägen den Arbeitsalltag der Kaufleute, Team- und Projektarbeit stehen im Vordergrund. Das setzt entsprechende Kompetenzen voraus. Diese müssen in den Grundbildungen aufgebaut werden.

Was sind die wesentlichen Neuerungen, die auf Lehrbeginn 2023 in Kraft treten?
Einerseits die konsequente Ausrichtung auf Handlungskompetenzen, andererseits die engere Zusammenarbeit der Lernorte Lehrbetrieb, Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse. Darüber hinaus wurden die Lerninhalte den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt angepasst und die Ausbildung so konzipiert, dass die Lernenden ihre individuellen Stärken durch Wahlpflichtfächer und Optionen gezielt entwickeln können.

Beleuchten wir einige Neuerungen näher: Was sind Handlungskompetenzen? Handlungskompetenzen werden aus der Praxis hergeleitet. Wir haben genau analysiert, welche Kompetenzen heute am Arbeitsplatz gefragt sind. Nebst Fachkompetenz sind primär Sozial- und Selbstkompetenzen sowie technologische Kompetenz gefragt. Diese werden in der neuen kaufmännischen Grundbildung interdisziplinär entwickelt. Das bedeutet: An der Berufsfachschule gibt es keine Fächer mehr. Die jungen Berufsleute lernen immer im beruflichen Kontext. Ein Beispiel: Sie beantworten eine Kundenanfrage über ein Chatsystem und entwickeln so methodische, technologische und sprachliche Kompetenzen parallel.

Welche Vorteile bringen Handlungskompetenzen den Lernenden?
Erstens: Die Lernenden können die Theorie mit ihren Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag verknüpfen. Zweitens: Sie können das Erlernte meist sofort in der Praxis anwenden. So wird lernen nachhaltiger.

Neu wird im Lehrbetrieb, in der Berufsfachschule und im überbetrieblichen Kurs entlang derselben Handlungskompetenzen unterrichtet. Wachsen damit Theorie und Praxis noch enger zusammen?
Das ist ein erklärtes Ziel der Reform. Aber es ist auch ein hoher Anspruch, die Vermittlung einer Handlungskompetenz zeitlich über alle Lernorte abzustimmen. Daran arbeiten alle Beteiligten.

Die zweijährige kaufmännische Grundbildung hiess früher «Büroassistent/-in EBA». Neu heisst sie «Kauffrau/Kaufmann EBA». Ändert mehr als das Etikett?
Ja. Die Ausbildung wurde komplett reformiert und besser auf den Anschluss an die dreijährige EFZ-Ausbildung ausgerichtet. Es werden dieselben zentralen Handlungskompetenzen entwickelt, allerdings auf unterschiedlicher Stufe. Zudem haben neu alle EBA-Lernenden obligatorisch eine Fremdsprache. Das erleichtert den späteren Übertritt in die EFZ-Lehre und wertet die Ausbildung auf. Die verbesserte Anschlussfähigkeit und das etwas höhere Anspruchsniveau werden in der neuen Berufsbezeichnung sichtbar.

Wie steht es bei der dreijährigen Grundbildung: Wird sie zu einem «KV light»?
Bei der dreijährigen Grundbildung bleibt das Anspruchsniveau in etwa gleich. Wir suchen nach wie vor schulisch stärkere Jugendliche, die den hohen Anforderungen der modernen Bürowelt genügen. Die Wahlmöglichkeiten in der Ausbildung stellen sicher, dass unterschiedliche Wege für unterschiedliche Talente möglich sind.

Wie reagieren die Lehrbetriebe auf die Neuerungen? Bieten sie im selben Umfang Lehrstellen an?
Bezüglich Lehrstellenangebot liegen noch keine Zahlen vor. Klar ist: Die Lehrbetriebe begrüssen die Reform, weil sie die kaufmännische Grundbildung zukunftsfähig macht. Im Kontakt mit den Ausbildungsverantwortlichen ist eine Aufbruchstimmung spürbar.

Wie beurteilen Sie die Berufsaussichten junger Kaufleute angesichts der weitergehenden Digitalisierung der Wirtschaft: Hat der Beruf Zukunft?
Auf jeden Fall. Unsere Berufsfeldanalyse hat klar gezeigt: Es braucht auch in Zukunft viel kaufmännisches Know-how. Die kaufmännische Grundbildung ist in der Regel «nur» der Einstieg in ein vielfältiges Berufsfeld mit attraktiven Entwicklungsmöglichkeiten. Die meisten jungen Kaufleute entwickeln sich durch Weiterbildungen oder «on the job» weiter und spezialisieren sich.

*) Die Interessengemeinschaft Kaufmännische Grundbildung Schweiz (IGKG Schweiz) ist Trägerin des Berufs «Kauffrau/Kaufmann EBA» und vertritt im Beruf «Kauffrau/Kaufmann EFZ» die grösste der 19 Ausbildungsbranchen (Dienstleistung und Administration).

Weitere Informationen

Im Sommer 2023 starten die neuen kaufmännischen Grundbildungen. Informationen dazu gibt’s auf der Website kaufmännische-grundbildung.ch.
 

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